Das "ECE-Einkaufscenter" Soest am Bahnhof - Gigantisch
Busbahnhof - Niere - Häuser - und sogar Binnerwall müssen weichen
Westfalenpost-Interview mit ECE und Wirtschaftsförderer vom 05. Juli 2003
Interviewpartner: Jörg Banzhaf (ECE) und Wirtschaftsförderer Ferdinand Griewel
Das Interview führten die WP-Redakteure: Thorsten Bottin und Hans-Albert Limbrock. Fotos: Marcus Bottin
"Mit ECE wird Soest zum Mittelpunkt der Region"
Bis zu einer Million Euro zusätzliche Steueinnahmen im Jahr für das Stadtsäckel / Offen für Gespräche mit der Bürgerinitiative 

Warum Soest ein ECE-Einkaufscentrum braucht und wie die Innenstadt davon profitieren soll, begründen Jörg Banzhaf, ECE-Projektentwickler, und Ferdinand Griewel, Vorsitzender der Wirtschaftsförderungs-Gesellschaft in einem Gespräch mit der WESTFALENPOST.
WP:
Herr Banzhaf, in welchen Städten haben Sie schon mal einen solch starken Widerstand aus der Bevölke­rung gegen den Bau eines ihrer Shopping-Center erlebt?
Banzhaf: 
Ein solcher Widerstand ist nicht ganz ungewöhnlich. Am Anfang nimmt man uns häufig nicht richtig ernst. Und wenn das Projekt dann langsam realistisch wird, kommen bei einigen verständliche subjektive Ängste auf. Deshalb versuchen wir, auf die Gegner zuzugehen. Wenn wir erst einmal eröffnet haben, stellen viele fest, dass ihre Ängste unbegründet waren.
Ferdinand Griewel ist Geschäftsführer der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung in Soest
WP: 
Die Bürgerinitiative macht nicht den Eindruck, als ob ihr rasch die Luft ausgehen würde. Können sie sich vorstellen, dass ECE sich irgendwann entnervt zurückzieht?
Banzhaf: 
Im Moment sind wir ganz sicher noch nicht so weit. Ich finde es nur schade, dass die Initiative Podiumsdiskussionen veranstaltet, dort ihre Meinung gegen uns manifestiert, aber bisher kein einziges Gespräch mit ECE geführt hat. Man redet dort nur über uns, aber nicht mit uns. Ich würde mich freuen, wenn beide Seiten in einem ganz sachlichen Dialog die Argumente auf den Tisch legen würden, so dass sich der Bürger eine fundierte Meinung bilden kann.
WP: 
Wenn das Projekt Soest abgelehnt wird, könnte dann eine Nachbarstadt wie Lippstadt in ihren Fokus rücken? 
Banzhaf:
Von Anfang an war klar, dass wir in diese Region möchten. Deshalb kann Lippstadt bei einem Scheitern eine Alternative sein. Ganz sicher wird es nicht in beiden Städten ein ECE-Center geben. Soest hat die Chance, mit uns zum Mittelpunkt der Region zu werden.
WP:
Die Kritiker des Centers befürchten, dass vom investierten Geld kaum ein Cent in Soest verbleiben wird. Wohin fließen die Steuereinnahmen aus dem ECE-Center?
Ferdinand Griewel: 
Die Gewerbesteuer verbleibt am Ort der Betriebsstätte eines Geschäftes, also in Soest. Außerdem bleiben die Grundsteuer B und ein Anteil der Körperschaftssteuer in Soest. Banzhaf: Grob geschätzt sind das von ECE und allen Mietpartnern pro Jahr 700 000 bis 1 Million Euro.
WP: 
Wie werden regionale Unternehmen beim Bau des Shopping-Centers beteiligt? 
Griewel: 
Leider gibt es im Hoch- und Tiefbau in der Region kein Unternehmen mehr, dass das stemmen kann. Aber es wird ganz sicher Beteiligungen geben.
Banzhaf: 
Von anderen Projekten wissen, wir dass etwa 40 bis 60 Prozent der Aufträge von Unternehmen aus der Region erledigt werden. Auch mit den Handwerkskammern vor Ort suchen wir eine enge Zusammenarbeit.
WP: 
Ist es richtig, dass bestimmte Filialketten vertraglich mit der ECE gebunden sind oder bestimmte Mieter Exklusivrechte haben, in ein Center einzuziehen?
Banzhaf: 
Nein, so etwas gibt es nicht und hat es nie gegeben.
WP:
Wie viel Mitsprache hat die Soester Politik beim Besatz des Centers?
Banzhaf: 
Sowohl die Stadt als auch wir haben ein hohes Interesse 
Seit fast zwei Jahren ist Jörg Banzhaf als Projektentwickler des Hamburger Unternehmens ECE im Gespräch mit der Stadt.
daran, dass das Center auch funktioniert. Wir müssen den Handel von der Qualität des Standortes Soest überzeugen.
Zitate
Wenn ein vernünftiger Kaufmann nicht jammert, geht es ihm wirklich schlecht.
Jörg Banzhaf
Einzelhändler heißen Einzelhändler, weil sie zumeist einzeln handeln.
Ferdinand Griewel

Ferdinand Griewel
In der Bürgerinitiative, die gegen das ECE ist, redet man nur über uns, aber nicht mit uns.
Jörg Banzhaf
Wir glauben, dass sowohl ein Einkaufszentrum befruchtet wird von der Innenstadt als auch die Innenstadt durch ein Einkaufszentrum.
Jörg Banzhaf
Die Brüderstraße in Soest ist nicht die Kö' in Düsseldorf. Wir müssen unsere Mieter nicht vom ECE, sondern vom Standort Soest überzeugen.
Jörg Banzhaf
Es wird bei den einzelnen Standorten viele Verlierer und wenig Gewinner geben. Wir wollen zu den Gewinnern gehören und nicht zu den Verlierern.
Ferdinand Griewel
Was noch schlimmer ist, sind die Soester, die woandershin zum Einkaufen fahren. Die gibt es ja auch.
Jörg Banzhaf
"Wir nehmen die Sorgen und Ängste der Gegner ernst": Jörg Banzhaf sucht das Gespräch mit den ECE-Gegenern.  
WP: 
Wo liegt bei der Größe die Schmerzgrenze von ECE? Wie viel Verhandlungsspielraum geben die 20 000 Quadratmeter noch her?
Banzhaf: 
Im Prinzip keinen. Aber das Leben besteht immer aus Kompromissen. Die von der IHK geforderten 16 000 Quadratmeter sind völlig unakzeptabel. In dieser Größenordnung können wir es nicht machen. Dann kann das Center nicht die gewünschte Magnetwirkung für Soest entfal­ten.
WP: 
In anderen Städten hat ECE auch schon deutlich kleinere Center gebaut.
Banzhaf: 
Jedes Center ist wie ein Maßanzug für eine Stadt, für eine Region, für eine bestimmte Zeit. Das muss perfekt passen. Und für Soest brauchen wir eben diese 20 000 Quadratmeter.
WP: 
Die Wirtschaftsförderungsgesellschaft hat, um die Pläne am Bahnhof zu verwirklichen, ein Grundstück von der Bahn AG erworben. Was passiert damit, wenn das Vorhaben scheitert?
Griewel: 
Man darf bei der Strategie, das Gebiet am Bahnhof zu entwickeln, nicht nur ECE vor Augen haben. Das ist ein wichtiger Baustein. Wohnbau-Gewerbeflächen, die gesamte Entwicklung des Bahnhofs und 60 Hektar Bahnflächen, die Erhaltung und Stärkung von Freizeit und Kultur machen die Aufgabenstellung erst komplett. Die schicksalhafte Frage für die Zukunft lautet: Wollen wir bei der vorhandenen 
Standortkonkurrenz zu den Gewinnern oder zu den Verlierern gehören? Wenn wir es richtig anpacken, werden wir zu den Gewinnern gehören. Der Kauf der Fläche am Bahnhof war daher eine Investition in die Zukunft.
WP: 
Zwischenzeitlich waren Sie massiven persönlichen Attacken ausgesetzt. Gab es da schon einmal einen Zeitpunkt, alles hinzuwerfen?
Griewel: 
Nein, ich habe mir in der Sache nichts vorzuwerfen. Ich bin ja nur eines von vielen Rädchen. Enttäuscht war ich, auf welcher persönlicher Ebene diese Attacken stattgefunden haben.
WP:
Das heutige Saturn-Kaufhaus oder die frühere Weka sind Beispiele dafür, wie schwer leerstehende Kaufhäuser einer Nachnutzung zuzuführen sind. Was wird aus dem ECE-Center, wenn es in zwanzig Jahren einmal leersteht? 
Griewel: 
Die Nachnutzung der Weka ist gescheitert, weil man einem interessierten Textilkaufhaus nicht genügend Fläche bieten konnte. Nachbarn waren nicht bereit, Flächen einzubringen. Die Nachfrage nach Flächen zwischen 800 und 1000 Quadratmetern in la-Lagen ist groß, bisher können wir sie in Soest im Zentrum nicht decken.
WP: 
Es zeichnet sich ab, dass SPD und Grüne im Stadtrat das Center ablehnen werden. Sehen sie noch Möglichkeiten diese Entscheidung zu beeinflussen?
Banzhaf:
Jeder, der Angst vor dem ECE hat, kann zu uns kommen. Wir stehen zu jeder Tages- und Nachtzeit für Einzel- und Gruppengespräche zur Verfügung. Niemand soll das Gefühl haben, dass uns seine Ängste egal wären.
WP: 
Herr Griewel, was halten Sie vom Alternativkonzept der Soester Architekten?
Griewel: 
Es ist mir noch nicht vorgestellt worden, ich kenne es nur aus der Zeitung. Man müsste den Plan mit den Realitäten abgleichen. Ich habe in der Vergangenheit den Kontakt zu den Eigentümern und Kaufleuten gepflegt, aber nie den Wunsch gehört, Hinterhöfe oder Plätze wie den Hansaplatz oder den Parkplatz bei C & A zu überbauen.
WP: 
Wie kann die Wirtschaftsförderung in Soest verhindern, dass die Innenstadt stirbt?
„Wenn wir es richtig anpacken, werden wir zu den Gewinnern gehören", sagt Ferdinand Griewel.
Griewel:
Die Einzelhändler sagen selber, Stillstand ist Rückschritt. Wir müssen das gute Image der historischen Altstadt mit dem Einzelhandel verknüpfen. Auch unsere Nachbarkommunen wie Lippstadt oder Neheim rüsten auf, das ist mit oder ohne ECE so. Und die Konsumenten werden sich in Zukunft mit weniger verfügbarem Einkommen auf wenige Standorte fokussieren. Deshalb werden wir aus diesen Gründen die Konzentration der Kräfte im Bereich Stadtmarketing jetzt angehen. Die strategische und operative Ebene dieses wichtigen Instrumentes zur Attraktivitätssteigerung der Innenstadt muss zusammengeführt werden.
WP: 
Herr Banzhaf, Kritiker des ECE sehen das Einkaufszentrum als ein autarkes Gebilde, das die Innenstadt nicht braucht. Sie hingegen sehen darin eine Chance für die Innenstadt. Warum aber sollten die Menschen das ECE verlassen und woanders einkaufen?
Banzhaf:
In der Innenstadt gibt es 37 000 Quadratmeter Einzelhandelsfläche und doch bekommt man dort nicht alles. In den 20 000 Quadratmetern im ECE bekommt man erst recht nicht alles. Beides zusammen aber ergänzt sich. Jeder, der einen bestimmten Laden in Soest nicht findet, fährt woanders hin und kommt vielleicht nicht wieder. Warum sollten wir uns denn so viel Mühe mit der Innenstadtanbindung geben, wenn wir ein „autarkes Gebilde" bauen wollten?
WP: 
Wie optimistisch sind sie, dass die Planung Wirklichkeit wird?
Banzhaf:
Ich bin optimistisch. Ich glaube, dass unsere Argumente so gut sind, dass wir die Skeptiker überzeugen. Spätestens wenn wir da sind, werden auch viele Gegner von uns überzeugt werden.


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