Das "ECE-Einkaufscenter" Soest am Bahnhof - Gigantisch
Busbahnhof - Niere - Häuser - und sogar Binnerwall müssen weichen

Westfalenpost - Leserbrief vom 06. August 2003

Wie ein Tanz ums goldene Kalb?
 

Die Sonne scheint, ich sitze bei Cafe Fromme und beobachte das muntere Treiben auf dem Marktplatz: 
Da ist in den Geschäften der Innenstadt und auf dem Wochenmarkt kräftig eingekauft worden; 
Körbe und Taschen werden geschleppt, man hält ein Schwätzchen oder genießt ganz einfach in einem der Restaurationsbetriebe ein Eis oder einen Cappucino. 
Schön, denke ich, hier zu sein und hier leben zu können.

Dann aber reißt mich eine Gruppe leise demonstrierender Jugendlicher aus meiner Stimmung. Sie präsentieren sich in schwarzer Kleidung, tragen einen Sarg durch die Fußgängerzone und verteilen Handzettel. 

Der Text macht bekannt, dass „die Hansestadt Soest... eine wunderbare Stadt von uns gegangen ist und „in stiller Trauer... die Bürger der Stadt Soest" Abschied von ihr nehmen. 
Auf der Rückseite der Todesanzeige lese ich, dass die Fußgängerzone in „Totengängerzone" umzutaufen sei, da es kein Leben mehr in ihr gäbe - das ECE, der „Gigant aus Glas und Stahl... ein eiskalter Glaskasten, der wie ein Fremdkörper am Rande Soests das Image einer Alststadt verschandelt", habe der liebenswerten kleinen Stadt nach mehr als tausendjähriger Geschichte die Seele, den Lebensnerv geraubt.

Ich erschrecke und denke unwillkürlich an die Geschichte aus dem Alten Testament Mose, so wird dort erzählt, der das Volk Israel aus Agypten bis zum Berg Sinai geführt hatte, war schon vor einiger Zeit auf den Berg gestiegen und bislang noch nicht wieder zurückgekehrt. 
Daraufhin geriet das Volk in Angst. Was sollte nun aus ihm werden? Wer sollte es in Zukunft durch die Wüste führen? Woher konnte in seiner ungewissen Lebenssituation Hilfe kommen?
So kamen die Israeliten zusammen und forderten Aaron, den Bruder des Mose auf: „Mach uns einen Gott, der uns schützt und führt!" Und die um ihr Leben bangenden Menschen machten sich einen Gott aus Gold; sie gossen sich ein goldenes Kalb und riefen: „Hier ist dein Gott, Israel ...!"
Dann wird noch berichtet, dass Aaron einen Altar vor dem selbst verfertigten Gott errichtete und dass die Israeliten dem neuen Gott Opfer brachten, sangen und wild um ihn herum tanzten.
Diese Geschichte ging mir durch den Kopf, als ich die jungen Menschen von den Soester Grünlinks friedlich gegen den Bau des ECE demonstrieren sah. 
Ich fragte mich: Hat dieser feste, offenbar unerschütterliche Wille, das ECE zu bauen, nicht auch mit Angst und Angstabwehr zu tun? 
Ist der Glaube an die Kraft des ECE vergleichbar mit dem Glauben an die Macht des selbst gemachten Gottes, des goldenen Kalbes, von dem man nun alle Hilfe und allen Schutz für das Leben der Stadt erwartet?

Bodo Dreves, Terlindenweg 13, Soest


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