Die Sonne scheint, ich sitze
bei Cafe Fromme und beobachte das muntere Treiben auf dem Marktplatz:
Da ist in den Geschäften
der Innenstadt und auf dem Wochenmarkt kräftig eingekauft worden;
Körbe und Taschen werden
geschleppt, man hält ein Schwätzchen oder genießt ganz
einfach in einem der Restaurationsbetriebe ein Eis oder einen Cappucino.
Schön, denke ich, hier
zu sein und hier leben zu können.
Dann aber reißt mich
eine Gruppe leise demonstrierender Jugendlicher aus meiner Stimmung. Sie
präsentieren sich in schwarzer Kleidung, tragen einen Sarg durch die
Fußgängerzone und verteilen Handzettel.
Der Text macht bekannt, dass
„die Hansestadt Soest... eine wunderbare Stadt von uns gegangen ist und
„in stiller Trauer... die Bürger der Stadt Soest" Abschied von ihr
nehmen.
Auf der Rückseite der
Todesanzeige lese ich, dass die Fußgängerzone in „Totengängerzone"
umzutaufen sei, da es kein Leben mehr in ihr gäbe - das ECE, der „Gigant
aus Glas und Stahl... ein eiskalter Glaskasten, der wie ein Fremdkörper
am Rande Soests das Image einer Alststadt verschandelt", habe der liebenswerten
kleinen Stadt nach mehr als tausendjähriger Geschichte die Seele,
den Lebensnerv geraubt.
Ich erschrecke und denke
unwillkürlich an die Geschichte aus dem Alten Testament Mose, so wird
dort erzählt, der das Volk Israel aus Agypten bis zum Berg Sinai geführt
hatte, war schon vor einiger Zeit auf den Berg gestiegen und bislang noch
nicht wieder zurückgekehrt.
Daraufhin geriet das Volk
in Angst. Was sollte nun aus ihm werden? Wer sollte es in Zukunft durch
die Wüste führen? Woher konnte in seiner ungewissen Lebenssituation
Hilfe kommen?
So kamen die Israeliten
zusammen und forderten Aaron, den Bruder des Mose auf: „Mach uns einen
Gott, der uns schützt und führt!" Und die um ihr Leben bangenden
Menschen machten sich einen Gott aus Gold; sie gossen sich ein goldenes
Kalb und riefen: „Hier ist dein Gott, Israel ...!"
Dann wird noch berichtet,
dass Aaron einen Altar vor dem selbst verfertigten Gott errichtete und
dass die Israeliten dem neuen Gott Opfer brachten, sangen und wild um ihn
herum tanzten.
Diese Geschichte ging mir
durch den Kopf, als ich die jungen Menschen von den Soester Grünlinks
friedlich gegen den Bau des ECE demonstrieren sah.
Ich fragte mich: Hat dieser
feste, offenbar unerschütterliche Wille, das ECE zu bauen, nicht auch
mit Angst und Angstabwehr zu tun?
Ist der Glaube an die Kraft
des ECE vergleichbar mit dem Glauben an die Macht des selbst gemachten
Gottes, des goldenen Kalbes, von dem man nun alle Hilfe und allen Schutz
für das Leben der Stadt erwartet?
Bodo Dreves, Terlindenweg
13, Soest |