Das "ECE-Einkaufscenter" Soest am Bahnhof - Gigantisch
Busbahnhof - Niere - Häuser - und sogar Binnerwall müssen weichen
Westfalenpost-Interview mit der Bürgerinitiative: "Vorwärts mit Soest ohne ECE" vom 28. Juni 2003
Sprecher/in der Initiative: Ursula Weihs, Walter Raubaum, Bernd Grüttner
Das Interview führten die WP-Redakteure: Thorsten Bottin, Martin Huckebrink und Hans-Albert Limbrock. Fotos: Marcus Bottin
"Wenn das ECE kommt, geht Soest kaputt"
Bürgerinitiative will mit Macht das Einkaufszentrum am Bahnhof verhindern 

Die Bürgerinitiative „Vorwärts mit Soest ohne ECE" will das geplante 20 000 Quadratmeter große Einkaufscenter am Bahnhof mit aller Macht verhindern. In einem Interview erklären die Sprecher Ursula Weihs, Walter Raubaum und Bernd Grüttner, warum sie gegen das ECE sind.
WESTFALENPOST: Seit etwa
fünf Jahren ist bekannt, dass am Bahnhof ein Center entstehen soll. Warum gibt es erst jetzt eine Initiative dagegen?
WALTER RAUBAUM: Die jetzige Planung ist keine Ergänzung mehr zum Einzelhandelsangebot in der Innenstadt, sondern ein kompletter Ersatz. Alles, was es im Augenblick in der Stadt gibt, soll in diesem Zentrum nochmal angeboten werden.
WESTFALENPOST: Warum woIlen Sie denn den Soestern solche komfortablen Einkaufsmöglichkeiten vorenthalten? Wir leben ja in einer Marktwirtschaft.
Sorgt sich um die Zukunft von Soest, wenn das geplante Einkaufszentrum am Bahnhof realisiert wird: BI-Sprecher Walter Raubaum
RAUBAUM: Wenn es wirklich etwas wäre, was zu dem bisherigen Angebot dazukommt, ja. Aber das ist es ja nicht. Wir werden dafür an anderer Stelle ganz entscheidend verlieren. Die Stadt wird insgesamt dadurch mehr verlieren als sie gewinnt.
WESTFALENPOST: Ein Investitionsvolumen von 80 Millionen Euro, von 500 neuen Arbeitsplätzen ist die Rede, dann der Durchstich zum Soester Norden, ein neues Kino - sind Ihre Motivationen, das ECE zu verhindern, im Vergleich dazu nicht recht egoistisch?
URSULA WEIHS: Finden Sie es egoistisch, wenn Einzelhändler ihre Interessen vertreten und die ihrer Mitarbeiter und von deren Familien? Daran hängen Existenzen. Wenn der Einzelhandel funktioniert, funktioniert die ganze Stadt.
WESTFALENPOST: Sie zweifeln die Datenerhebung des Lademann-Gutachtens an. Ist das nicht eine Ausrede, um sich nicht mit den Inhalten und Aussagen des Gutachtens auseinander zu setzen?
WEIHS: Man muss davon ausgehen, dass das Gutachten die falschen Fragen stellt. Das Thema des Gutachtens ist: Wie richtet die Stadt alles ein, damit das ECE gut funktioniert? Die Frage muss aber eigentlich lauten: Wie verträgt diese Stadt das ECE?
GRÜTTNER: Man kann nicht erwarten, dass man 20 000 Quadratmeter neben 36 000 Quadratmeter setzen kann und das funktioniert. Es müssten dann etwa 60 Prozent mehr Leute in Soest einkaufen als heute. Das ist völlig unrealistisch.
WESTFALENPOST: Wenn Soest das ECE nicht bekommt, bekommt es eine Nachbarstadt. 
WEIHS: Lieber in einer Nachbarstadt, als in Soest alle Läden kaputtzumachen. 
RAUBAUM: Diejenigen, die am nächsten am ECE dran sind, haben die größten Probleme. Wenn das ECE nach Soest kommt, wird Soest am ehesten kaputtgehen, wenn es nach Lippstadt kommt, wird Lippstadt als erstes kaputtgehen, und wir werden etwas bessere Chancen haben.
WESTFALENPOST: WVv-Sprecher Bernhard Duffe hat gesagt, die Kaufleute sollen versuchen, die Besucherströme vom ECE in die Fußgängerzone zu locken. Das ist doch eigentlich positiv.
WEIHS: Wenn das gelingt, dann hat der ECE-Manager versagt. Diese Center sind autark geplant, da ist alles drin, was Sie brauchen: Parkplätze, Zuwegung und der Branchenmix wird auch optimal gestaltet, weil der Manager Einfluss darauf nehmen kann. 
GRÜTTNER: Es wird jeder Kunde erst mal ins ECE fahren, weil dort in jedem Fall ein Parkplatz ist. Damit wird jedes Interesse entzogen, in der Innenstadt zu parken. Das Konzept ist so angelegt, dass man nicht mehr in die Stadt muss.
WESTFALENPOST: Wenn das ECE kommt, muss die Innenstadt also kapitulieren?
RAUBAUM: Die Brüderstraße ist in dem Augenblick, in dem 
Ursula Weihs: "Wir Soester haben in den letzten Jahren das Genöle ein bisschen zu sehr gepflegt".
das ECE steht und die Pforten öffnet, unattraktiver, weil die Filialisten ihre Läden verlassen und ins ECE gehen.
WESTFALENPOST: In der initiative haben sich unterschiedlichste Soester zusammengefunden. Skizzieren Sie, welche Interessen Sie verbindet.
GRÜTTNER: Jeder in dieser Initiative hat natürlich auch eigene Interessen - ob Architekten, Städtebauer oder Kaufleute, die um ihre Existenz fürchten. Das ist aber völlig legitim.
WEIHS:Es sind viele Leute dabei, die es als Lebensqualität empfinden, was diese Stadt zu bieten hat. Wir Soester haben in den letzten Jahre das Genöle ein bisschen zu sehr gepflegt. Das motiviert nicht unbedingt. Das was jetzt passiert, das motiviert viel mehr.
WESTFALENPOST: Wie schätzen Sie die Stimmung in der gesamten Bevölkerung ein?
WEIHS: Wie ich es erlebe, ist es eine ganz große Menge an Menschen, die sich Gedanken um diese Stadt macht. Sofern sie informiert sind. Ich erlebe jeden Tag, dass man mich fragt: Wieso wehrt ihr euch denn dagegen? Und nach zwei Minuten habe ich sie umgestimmt. Sie wissen nicht, was in welcher Größenordnung auf sie zukommt.
GRÜTTNER: Es ist tatsächlich so, dass viele über den Charakter dieses ECE nicht informiert sind. Und wenn man es ihnen klarmacht, ist die erste Reaktion: Warum soll das kommen? Dann ist die Fußgängerzone kaputt. Das ist unsere Erfahrung.
RAUBAUM: Die Gesamtsituation ist schwierig einzuschätzen ist. Leute, die uns zustimmen, tun sich leichter, zu uns zu kommen, als Leute, die für ECE sind. Was wir wahrnehmen, ist eine sehr, sehr große Zustimmung zu uns. 
WESTFALENPOST: Wie bewerten Sie denn den Informationsstand der Politiker?
RAUBAUM: Wir haben einige wachgerüttelt, die gemerkt haben, dass ihnen Informationen vorenthalten worden sind. Die haben jetzt eine kritischere Haltung eingenommen. Bei den Grünen und der SPD hat ein deutliches Nachdenken stattgefunden. Während CDU und BG sich bisher den Gesprächen verweigert haben. Manchmal kann ich nur staunen. Zum Beispiel, wenn die CDU sich hinter das Center stellt, ohne das Verkehrsgutachten zu kennen. 
WEIHS: Manche Politiker sind grob fahrlässig. Manche sind einfach nicht unterrichtet.
WESTFALENPOST: Die Architekten haben ein Gegenkonzept vorgestellt. Wie realistisch ist es, dieses Konzept umzusetzen? Gibt es schon Investoren?
RAUBAUM: In der augenblicklichen Situation, mit der Drohung ECE überm Kopf, wird kein Mensch in die Altstadt investieren. Trotzdem werden wir weiterhin an Alternativen arbeiten.
 

Zitate

 
Das wird ein autarkes Gebäude, das völlig unabhängig von den Geschäften in der Umgebung existieren kann.
Walter Raubaum
Wenn die Wirtschaft funktioniert, ist die ganze Stadt voller Leben, weil das Geld und die Kaufkraft ja in dieser Stadt bleiben und nicht durch das ECE aus dieser Stadt abgezogen werden.
Ursula Weihs
Buchhändlerin und BI 
Sprecherin Ursula Weihs
Man will uns weißmachen, dass ECE sei eine Erweiterung. Der einzige, der davon profitieren wird, ist das ECE selbst.
Bernd Grüttner
Wenn die Lippstädter sich mit einem ECE ihre Stadt kaputt machen wollen, sollen sie es holen. Wir wollen es nicht haben.
Walter Raubaum
Auf der anderen Seite wird überhaupt nicht darüber mokiert, dass ein Konzern wie Otto groß Knete machen will, und dem es völlig egal ist, ob die Stadt kaputt geht.
Bernd Grüttner
Wenn gesagt wird, es wird Donnerstag noch nichts entschieden, ist das glatt
gelogen
Walter Raubaum
Bernd Grüttner ist einer von drei Sprechern und arbeitet als Architekt an Alternativkonzepten zum ECE mit.
Anziehungspunkt bis weit ins Ruhrgebiet
WESTFALENPOST: Wie sehen Sie Ihre Chancen? Ist der Kampf schon verloren?
GRÜTTNER: Wenn man die politisch Verantwortlichen dazu kriegt, kritisch und sachlich nachzudenken, wird dieses Center nicht kommen. Es gibt keine objektiven Gründe, die dafür sprechen, aber viele, die dagegen sprechen.
WESTFALENPOST: Wie stehen Sie zum Stichwort Bürgerbegehren?
RAUBAUM: Es gibt verschiedene Sachverhalte, die von einem Bürgerbegehren ausgenommen sind. Nämlich alles, was automatisch mit einer Bürgerbeteiligung verbunden ist. Und das ist hier ja der Fall. Von daher müsste man schon einen Haken schlagen. Das ist sehr schwierig.
WESTFALENPOST: Waren Sie überrascht, wie groß die Resonanz auf die Initiative ist?
RAUBAUM: Ja. Wir werden umgerannt.
WESTFALENPOST: Was sagen Sie denen, die glauben, dass sich Händler und Immobilienbesitzer entspannt zurücklehnen, wenn das ECE abgewehrt ist? 
WEIHS: Wir haben drei Alternativen: ECE kommt, dann ist nichts mehr in der Innenstadt. Wenn das ECE nicht kommt, und wir tun nichts, dann ist es dasselbe. Eines ist uns klar: Unter diesem Druck, den wir jetzt haben, werden wir alle daraus etwas gelernt haben. Mit diesem Konzept der Architekten können wir die Stadt so herrichten, dass sie bis weit ins Ruhrgebiet hinein ein Anziehungspunkt werden kann.
WESTFALENPOST: Wer kann Ihnen dabei helfen?
WEIHS: Das ist auch eine Aufgabe des Wirtschaftsförderers Griewel. Er hat beispielsweise Saturn und H & M geholt. So muss er weiterarbeiten. Das kann er vom Konzept der Architekten aus gut machen. In Deutschland beginnt gerade eine Diskussion, ob bereits bestehende Center überall einen Sinn machen. Den Fehler, eines zu bauen, können wir doch am besten gleich überschlagen.
WESTFALENPOST: Herr Raubaum, Sie haben sich vor zwei Jahren aus der Stadtpolitik zurückgezogen. Ist der aktuelle Protest nicht auch ein Versuch, um sich zurückzumelden?
RAUBAUM: Ich kann zumindest dazu beitragen, dass vielleicht eher etwas bewirkt wird. Die Initiative ist schon sehr spät gegründet worden, und was wir bisher erreicht haben, ist durchaus gut.
WESTFALENPOST: Denken Sie, dass zuviel polarisiert wird? 
WEIHS: Das wollen wir in jedem Fall vermeiden. Es ist wichtig, dass alle gesprächsbereit sind und bleiben.
Walter Raubaum: Die Resonanz auf unsere Initiative ist groß. Wir werden zurzeit förmlich überrannt Bernd Grüttner: Die Auswirkungen sind so dramatisch, dass man das nicht verharmlosen kann.
GRÜTTNER: Die Auswirkungen des ECE sind allerdings dramatisch, das darf man nicht verharmlosen und muss man auch sagen dürfen. Es schafft auch kein gutes Klima, sich Gesprächen zu entziehen. Wenn der Beschluss im Bauauschuss durchgeht, weckt das Ohnmachtsgefühle.


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